Definition
Ein Think Tank, auf Deutsch Denkfabrik, ist eine dauerhaft angelegte Einrichtung, die zu politischen Fragen forscht und ihre Ergebnisse gezielt an Regierung, Parlament, Medien und Öffentlichkeit heranträgt. In Deutschland werden viele Denkfabriken überwiegend öffentlich finanziert, etwa Leibniz-Institute und die parteinahen Stiftungen; in den USA finanzieren sie sich meist privat.
Ein Think Tank, auf Deutsch meist Denkfabrik genannt, ist eine Einrichtung, die zu politischen Fragen forscht und ihre Ergebnisse gezielt an Entscheidungsträger und Öffentlichkeit heranträgt. Ein Universitätsinstitut schreibt vor allem für Fachkollegen. Eine Denkfabrik dagegen will mit ihren Papieren in Ministerien, Abgeordnetenbüros und Redaktionen ankommen und über sie in der öffentlichen Debatte.
Der Duden kennt die Schreibweisen „Thinktank“ und „Think-Tank“, im Alltag ist auch „Think Tank“ verbreitet. Eine feste Definition gibt es nicht, die Grenze zu Verbänden und Hochschulen ist unscharf. Gemeinsam ist den Häusern, dass sie dauerhaft angelegt sind und Politikberatung als Kernaufgabe verstehen. Im Englischen spricht man auch von Public Policy Institutes oder schlicht von Policy Research.
Woher der Begriff Think Tank kommt
Ursprünglich war „think tank“ ein englischer Slangausdruck für das Gehirn. Während des Zweiten Weltkriegs bekam er in den USA eine neue Bedeutung: Gemeint war ein abhörsicherer Ort (tank), an dem zivile und militärische Experten an Strategien arbeiteten (think). Erst in den sechziger und siebziger Jahren wurde das Wort auch für Forschungsinstitute außerhalb der Sicherheitspolitik üblich.
Ein frühes Beispiel ist die RAND Corporation. Sie begann 1946 als Forschungsprojekt für die amerikanischen Luftstreitkräfte und wurde 1948 eine eigenständige gemeinnützige Organisation. Die Entwicklung der Einrichtungen selbst reicht aber weiter zurück:
- 1910: Gründung des Carnegie Endowment for International Peace in Washington
- 1916: Das Institute for Government Research wird gegründet, 1927 geht es in der Brookings Institution auf
- 1920/21: Chatham House in London und der Council on Foreign Relations in New York widmen sich der Foreign Policy, also der internationalen Politik
- seit den 1970ern: Die Zahl der Denkfabriken wächst in den USA und in Europa stark
Welche Arten von Denkfabriken gibt es?
Die Forschung unterscheidet meist vier Typen. Die Einteilung geht auf den Politikwissenschaftler R. Kent Weaver (1989) zurück und wurde später unter anderem von James G. McGann erweitert. Viele Häuser mischen in der Praxis mehrere Rollen.
| Typ | Merkmale | Beispiele aus Deutschland und Europa |
|---|---|---|
| Akademische Denkfabriken | Wissenschaftliche Forschung, lange Projekte, Anerkennung in Fachkreisen | Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), ifo Institut, Institut für Weltwirtschaft Kiel |
| Auftragsforschung | Gutachten für Ministerien oder Behörden | Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) als Beraterin von Bundestag und Bundesregierung |
| Advokatorische Think-Tanks | Klare weltanschauliche Linie, kurze Papiere, viel Medienarbeit | Häuser, die etwa für soziale Marktwirtschaft oder Nachhaltigkeit werben |
| Parteinahe Denkfabriken | Einer Partei verbunden, Programmarbeit und politische Bildung | Konrad-Adenauer-, Friedrich-Ebert-, Friedrich-Naumann-, Heinrich-Böll-, Rosa-Luxemburg- und Hanns-Seidel-Stiftung |
Die parteinahen Stiftungen sind eine deutsche Besonderheit. Sie gehören rechtlich keiner Partei, stehen aber jeweils einer nahe. Ihr Geld kommt zum großen Teil aus dem Bundeshaushalt, über den der Bundestag entscheidet.
Zu den privat oder gemischt finanzierten Häusern gehören die Bertelsmann Stiftung, die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin und das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, das von Verbänden und Unternehmen getragen wird. Die Stiftung Mercator hat 2013 das Mercator Institute for China Studies (MERICS) gegründet. In Brüssel arbeitet Bruegel, ein wirtschaftspolitischer Thinktank, der von EU-Staaten und Unternehmen getragen wird.
Wie ein Think Tank arbeitet: Schritt für Schritt
Jedes Institut setzt eigene Schwerpunkte. Der Weg von einer Frage bis zu einer politischen Wirkung folgt aber meist einem ähnlichen Muster.
Schritt 1: Ein Thema setzen
Leitung und Fachleute wählen Fragen, bei denen sie ein politisches Zeitfenster erwarten: ein auslaufendes Gesetz, eine neue Bundesregierung, eine Krise wie den Krieg in der Ukraine. Zwischenergebnis: ein Forschungsprogramm für das kommende Jahr.
Schritt 2: Die Finanzierung sichern
Projekte brauchen Geld aus staatlichen Zuwendungen, von Förderern, Unternehmen, Spendern oder aus Aufträgen. Sorgfältige Häuser regeln schriftlich, dass Geldgeber keinen Einfluss auf die Ergebnisse haben. Zwischenergebnis: ein Budget und klare Regeln gegen Einflussnahme.
Schritt 3: Forschen und prüfen
Die Experten werten Daten aus, rechnen Modelle durch, sprechen mit Fachleuten aus Politik und Wirtschaft und vergleichen Länder. Gute Häuser lassen ihre Arbeit vor der Veröffentlichung gegenlesen, manchmal auch von Kollegen an einer Universität. Zwischenergebnis: eine Analyse mit Befunden und meist mit Empfehlungen.
Schritt 4: Für eilige Leser übersetzen
Aus dem langen Bericht werden ein zweiseitiges Policy Paper, Grafiken, ein Gastbeitrag in einer Zeitung und eine Podcastfolge. Zwischenergebnis: dieselbe Idee in Formaten für Fachreferenten, Journalisten und interessierte Bürger.
Schritt 5: Ins Gespräch bringen
Hier beginnt die eigentliche Politikberatung. Die Institute laden zu Fachgesprächen nach Berlin oder Brüssel ein, informieren Abgeordnete und Ministerien und schicken Sachverständige in Anhörungen des Bundestags. Häuser in Deutschland beraten oft direkt Regierung und Verwaltung, amerikanische wirken stärker über die Medien. Zwischenergebnis: Die Idee hat einen Namen und einen Platz in der Debatte.
Schritt 6: Personal austauschen
Fachleute wechseln aus Denkfabriken in Ministerien oder Abgeordnetenbüros, frühere Amtsträger gehen in die Forschung. Kritiker sprechen von einer Drehtür, Befürworter von einem Reservoir erfahrener Leute. Zwischenergebnis: Ideen wandern mit den Menschen, die sie entwickelt haben.

Think-Tanks in Deutschland: Zahlen und Finanzierung
Wie viele Denkfabriken es gibt, hängt von der Definition ab. Der Politikwissenschaftler Martin Thunert schätzte 2003 in „Aus Politik und Zeitgeschichte“ die Zahl in Deutschland auf 80 bis 130, je nachdem, ob man praxisnahe Universitätsinstitute mitzählt. Etwa zwei Dutzend große, staatlich finanzierte akademische Denkfabriken hatten damals Jahresetats von 5 bis 15 Millionen Euro. Der Global Go To Think Tank Index der University of Pennsylvania kam 2020 weltweit auf 11.175 Einrichtungen, davon 2.203 in den USA. Der Index wird seitdem nicht mehr fortgeführt (Stand 2026).
Der größte Unterschied zu den USA liegt beim Geld:
- In den USA finanzieren sich die meisten Thinktanks privat, über Förderer, Spender, Unternehmen und Aufträge.
- In Deutschland werden viele Denkfabriken überwiegend öffentlich finanziert, etwa über die Leibniz-Gemeinschaft oder über Zuwendungen an die politischen Stiftungen.
- Gemeinnützige Körperschaften erhalten Steuervorteile. Nach § 55 der Abgabenordnung dürfen sie ihre Mittel nicht zur Unterstützung politischer Parteien verwenden.
- Wer gegenüber Bundestag und Bundesregierung Interessen vertritt, muss sich seit dem 1. Januar 2022 im Lobbyregister eintragen. Auf EU-Ebene führt das Transparenzregister eine eigene Gruppe für Denkfabriken und Forschungseinrichtungen.

Sind Denkfabriken gut für die Demokratie?
In der Wissenschaft gibt es dazu drei verbreitete Sichtweisen, und jede stützt sich auf ernst zu nehmende Argumente.
Die Expertise-Sicht
Abgeordnete und Verwaltung haben wenig Zeit. Unabhängige Institute liefern Daten, Kostenschätzungen und geprüfte Vorschläge, die ein Ministerium allein kaum erarbeiten könnte. Ein vielfältiger Markt der Ideen, mit Häusern aller politischen Richtungen, verbessert danach die Debatte, weil schwache Argumente Widerspruch finden.
Die pluralistische Sicht
Denkfabriken sind ein Kanal unter vielen, über den organisierte Interessen um Einfluss konkurrieren, neben Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und anderen Interessengruppen. Dass Denkfabriken ihre Ergebnisse offensiv vermarkten, gilt hier als normaler Teil des demokratischen Wettbewerbs in einer offenen Gesellschaft.
Die kritische Sicht
Andere Forscher, etwa der Soziologe Thomas Medvetz, sehen die Grenze zwischen Wissenschaft und Interessenvertretung verwischt. Die Häuser nutzten das Ansehen der Forschung, während sie Geldgebern und politischen Partnern verpflichtet seien. Kritiker fordern deshalb mehr Offenheit über die Finanzierung und klarere Kennzeichnung.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Think Tank und Lobby?
Lobbyisten setzen sich im Auftrag von Kunden oder Verbänden für bestimmte Gesetze ein. Denkfabriken forschen und streiten über politische Konzepte, sie betreiben Politikberatung, im Englischen Policy Advice. Bei advokatorischen Häusern ist die Grenze allerdings dünn, weshalb Offenlegung so wichtig ist.
Ist ein Think Tank unabhängig?
Das hängt vom Haus ab. Manche sind ausdrücklich überparteilich, andere vertreten offen eine politische Richtung, und parteinahe Stiftungen sind per Definition einer Partei verbunden. Prüfen können Sie, ob ein Institut seine Haltung und seine Geldgeber offenlegt.
Warum sollten Sie wissen, wer hinter einer Analyse steht?
Zahlen aus Denkfabriken landen in Nachrichten, Reden und Gesetzentwürfen. Wenn Sie wissen, wer eine Untersuchung verfasst und bezahlt hat, können Sie politische Debatten besser einordnen.
Quellen
- Martin Thunert: Think Tanks in Deutschland - Berater der Politik? Aus Politik und Zeitgeschichte B 51/2003 (bpb)
- R. Kent Weaver: The Changing World of Think Tanks, PS: Political Science & Politics 22 (1989)
- James G. McGann: 2020 Global Go To Think Tank Index Report, University of Pennsylvania
- Thomas Medvetz: Think Tanks in America (University of Chicago Press, 2012)
- Josef Braml: Think Tanks versus „Denkfabriken“? (Nomos, 2004)
- Abgabenordnung § 55 Selbstlosigkeit