Definition
Zivilgesellschaft bezeichnet den Bereich des freiwilligen, organisierten Zusammenlebens zwischen Staat, Markt und Privatsphäre. Dazu gehören Vereine, Verbände, Kirchengemeinden, Gewerkschaften, Stiftungen, Bürgerinitiativen und soziale Bewegungen, denen Menschen aus eigenem Antrieb beitreten, um gemeinsame Anliegen zu verfolgen.
Zivilgesellschaft bezeichnet den Bereich des freiwilligen, organisierten Zusammenlebens zwischen Staat, Markt und Privatsphäre. Dazu gehören Vereine, Verbände, Kirchengemeinden, Gewerkschaften, Stiftungen, Bürgerinitiativen und soziale Bewegungen, denen Menschen aus eigenem Antrieb beitreten, um gemeinsame Anliegen zu verfolgen.
In Gesellschaft und Politik wird das Wort allerdings sehr unterschiedlich verwendet: mal als Sammelbegriff für alle Vereine, mal als Synonym für NGOs, mal als moralisches Etikett für „die Guten“. Im Folgenden erfahren Sie, woher diese Unschärfe stammt, wie sich der Begriff Zivilgesellschaft abgrenzen lässt und wie die Zivilgesellschaft in Deutschland tatsächlich aussieht.
Das Problem: ein Konzept mit vielen Bedeutungen
Wer heute von der Zivilgesellschaft spricht, meint selten dasselbe. Drei Lesarten begegnen Ihnen besonders oft:
- Bereichsbegriff: Zivilgesellschaft ist ein Raum, der sich von Staat, Wirtschaft und Familie abgrenzen lässt. Diese Lesart dominiert in Lexika und in der Politikwissenschaft.
- Akteursbegriff: Gemeint sind konkrete zivilgesellschaftliche Akteure, etwa Umweltverbände, Wohlfahrtsverbände oder Menschenrechtsgruppen. In der Entwicklungszusammenarbeit spricht man von „Civil Society Organisations“.
- Normativer Begriff: Zivilgesellschaft steht für ein Ideal ziviler Umgangsformen, also Toleranz, Fairness und Gewaltlosigkeit. Wer so argumentiert, zählt nur Gruppen dazu, die diese Werte teilen.
Die Lesarten schließen sich nicht aus, führen aber zu verschiedenen Antworten auf die Frage, wer dazugehört. Ein Schützenverein zählt nach der ersten Lesart eindeutig dazu, nach der dritten nur, wenn er sich an demokratische Spielregeln hält.
Ursachen der Unschärfe: eine lange Begriffsgeschichte
Ein Grund für die Vieldeutigkeit liegt in der Entwicklung des Konzepts. Das Wort ist im Deutschen relativ jung und wurde aus dem englischen „civil society“ übernommen. Die Idee selbst ist alt.
- Antike: Römische Autoren übersetzten mit *societas civilis* den Begriff *koinōnía politikē* von Aristoteles, also die politische Gemeinschaft freier Bürger.
- Frühe Neuzeit: Bei John Locke bedeutete das Wort schlicht eine Gesellschaft, die unter Gesetzen lebt, im Gegensatz zum Naturzustand. Adam Ferguson veröffentlichte 1767 seinen *Essay on the History of Civil Society*.
- 19. Jahrhundert: Hegel trennte in den *Grundlinien der Philosophie des Rechts* (1820) die „bürgerliche Gesellschaft“ von Familie und Staat und rechnete den Markt ausdrücklich dazu. Alexis de Tocqueville beschrieb in *Über die Demokratie in Amerika* (1835 und 1840) die vielen Vereinigungen der USA als Ort, an dem Bürger Selbstregierung einüben.
- 20. Jahrhundert: Antonio Gramsci verstand die Zivilgesellschaft als Feld, auf dem Kirchen, Schulen und Presse die herrschenden Ideen verankern. Jürgen Habermas beschrieb sie 1992 in *Faktizität und Geltung* als jene „mehr oder weniger spontan entstandenen Vereinigungen, Organisationen und Bewegungen“, die den Widerhall gesellschaftlicher Problemlagen im privaten Lebensbereich „aufnehmen, kondensieren und lautverstärkend an die politische Öffentlichkeit weiterleiten“.
Seine heutige Popularität verdankt der Begriff insbesondere Mittel- und Osteuropa. Dissidenten wie die Unterzeichner der Charta 77 in der Tschechoslowakei oder die 1980 gegründete polnische Gewerkschaft Solidarność nutzten ihn, um unabhängiges Handeln jenseits der kommunistischen Partei zu beschreiben. Auch die Bürgerbewegungen in der DDR und die Runden Tische von 1989 und 1990 gehören in diese Tradition. In der Bundesrepublik hatten zuvor die neuen sozialen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre, etwa die Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegung, das Feld erweitert.
Lösungsweg: Zivilgesellschaft sauber abgrenzen
Die meisten aktuellen Definitionen, auch die der Europäischen Union und der Vereinten Nationen, behandeln die Zivilgesellschaft als „Dritten Sektor“ neben Staat und Markt. Hegels Einbeziehung der Wirtschaft ist damit nicht mehr Standard.
| Sphäre | Leitende Logik | Typische Beispiele |
|---|---|---|
| Staat | Recht und hoheitliche Gewalt | Ministerien, Gerichte, Parlamente |
| Markt | Gewinn und Tausch | Unternehmen, Selbstständige |
| Zivilgesellschaft | Freiwillige Vereinigung | Vereine, Kirchen, Gewerkschaften, Stiftungen |
| Privatsphäre | Verwandtschaft und Fürsorge | Haushalte, Familien |
Die Grenzen sind fließend. Parteien wirken an der Willensbildung des Volkes mit und werden deshalb oft separat behandelt. Eine Industrie- und Handelskammer vertritt Unternehmen, ist aber eine öffentlich-rechtliche Körperschaft mit Pflichtmitgliedschaft und damit kein freiwilliger Zusammenschluss.
Ist Zivilgesellschaft dasselbe wie NGOs?
Nein. Nichtregierungsorganisationen sind der sichtbarste Teil der Zivilgesellschaft, besonders in der internationalen Politik. Zu den Akteuren der Zivilgesellschaft zählen aber deutlich mehr Gruppen:
- Sportvereine, Chöre, Heimat- und Kulturvereine
- Kirchengemeinden und kirchliche Wohlfahrtsverbände wie Caritas und Diakonie
- Gewerkschaften, Berufsverbände und Sozialverbände
- Fördervereine und gemeinnützige Stiftungen
- Bürgerinitiativen, Nachbarschaftshilfe und soziale Bewegungen
- Freiwillige Feuerwehren, Tafeln und Selbsthilfegruppen
Ein Kegelclub und eine Menschenrechtsorganisation gehören zur selben Kategorie, weil beide auf Freiwilligkeit beruhen, sich selbst organisieren und unabhängig von staatlichen Stellen sind.

Zivilgesellschaft in Deutschland: Zahlen und Formen
Hierzulande ist die organisierte Zivilgesellschaft stark vereinsgeprägt. Der eingetragene Verein ist die häufigste Rechtsform, daneben gibt es Stiftungen, gGmbHs und Genossenschaften. Viele Organisationen sind als gemeinnützig anerkannt und dadurch steuerlich begünstigt.
Wie verbreitet bürgerschaftliches Engagement ist, misst der Deutsche Freiwilligensurvey. Nach den zentralen Ergebnissen des Fünften Deutschen Freiwilligensurveys engagierten sich 2019 rund 39,7 Prozent der Personen ab 14 Jahren, hochgerechnet etwa 28,8 Millionen. 1999 lag der Anteil bei 30,9 Prozent. Die Studie zeigt auch Unterschiede: Wer eine hohe Schulbildung hat, engagiert sich mit 51,1 Prozent deutlich häufiger als Personen mit niedrigem Bildungsabschluss (26,3 Prozent).
Das Verhältnis zur öffentlichen Hand ist eng und nicht konfliktfrei. Wohlfahrtsverbände erbringen nach dem Prinzip der Subsidiarität einen großen Teil der sozialen Dienste, oft mit öffentlichen Mitteln. Gleichzeitig wird über die Grenzen der politischen Betätigung gestritten. Der Bundesfinanzhof entschied 2019 im Fall Attac, dass allgemeinpolitische Kampagnen nicht unter die gemeinnützigen Zwecke der Abgabenordnung fallen. Seitdem diskutieren Parteien und Verbände, wie viel Einfluss auf Entscheidungen der Politik Vereinen mit Steuervorteil erlaubt sein sollte.
Auf europäischer Ebene verpflichtet Artikel 11 des EU-Vertrags die Organe der Union zu einem offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog mit der Zivilgesellschaft. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss gibt organisierten Interessen eine beratende Stimme.
Ist Zivilgesellschaft immer demokratisch?
Tocqueville und später Robert Putnam betonten, dass freiwilliges Engagement im Vereinsleben Vertrauen, Kompromissfähigkeit und soziales Kapital fördert. In diesem Sinne gelten Vereine als Schule der Demokratie, weil Mitglieder dort lernen, Konflikte auszuhandeln und sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen.
Es gibt aber auch eine dunkle Seite der Zivilgesellschaft. Die Politikwissenschaftlerin Sheri Berman zeigte 1997 in der Zeitschrift *World Politics*, dass die Weimarer Republik ein dichtes Netz an Vereinen besaß und die NSDAP genau diese Strukturen nutzte, um sich auszubreiten. Auch antidemokratische Gruppen können sich frei organisieren. Die Forschung spricht dann von „unziviler Gesellschaft“.
Berman folgert daraus, dass eine lebendige Zivilgesellschaft die Demokratie dann stärkt, wenn die Institutionen des politischen Systems stark genug sind, Konflikte aufzufangen. Sind sie schwach, kann dieselbe Vereinsdichte auch antidemokratische Kräfte begünstigen.
Manche Regierungen engen den Handlungsraum dagegen ein, in der Forschung ist von „Shrinking Spaces“ die Rede. Russland verpflichtet seit 2012 Organisationen mit Geld aus dem Ausland, sich als „ausländische Agenten“ registrieren zu lassen. Ungarn verabschiedete 2017 ein Gesetz, nach dem sich Vereine mit größeren Zuwendungen aus dem Ausland registrieren und kennzeichnen mussten.

Unterschiedliche Sichtweisen auf ihre Rolle
Politische Denkschulen schätzen zivilgesellschaftliches Handeln aus verschiedenen Gründen und ziehen daraus eigene Schlüsse für staatliches Handeln.
- Konservativ: Edmund Burke lobte die „little platoons“ des lokalen Lebens. Die katholische Soziallehre formulierte 1931 das Subsidiaritätsprinzip: Was kleinere Gemeinschaften leisten können, soll ihnen die höhere Ebene nicht abnehmen.
- Liberal: Freiwillige Zusammenarbeit zeigt, dass viele Probleme ohne Zwang lösbar sind. Eine schlanke Verwaltung lässt Raum für private Initiative, Spenden und Selbsthilfe.
- Sozialdemokratisch und progressiv: Zivilgesellschaftliche Organisationen brauchen faire Regeln und öffentliche Förderung, weil ungleich verteilte Ressourcen sonst den Gutsituierten mehr Gehör verschaffen.
- Kritisch in der Tradition Gramscis: Hier wird um kulturelle Deutungsmacht gerungen. Wer verändern will, was eine Gesellschaft für selbstverständlich hält, muss sich zuerst dort organisieren.
Praxis-Tipps: Aussagen über Zivilgesellschaft und Politik einordnen
Wenn Ihnen in Nachrichten der Satz „die Zivilgesellschaft fordert“ begegnet, helfen vier Prüffragen:
- Wer genau spricht? Ein einzelner Verband, ein Bündnis oder eine Umfrage unter Engagierten?
- Welche Lesart steckt dahinter? Bereich, Akteure oder normatives Ideal?
- Wie unabhängig ist die Organisation? Ein hoher Anteil öffentlicher Förderung ist legitim, sollte aber transparent sein.
- Wen vertritt sie? Mitgliederstarke Verbände sprechen anders als kleine, professionelle Kampagnenorganisationen.
Häufige Fragen
Was versteht man unter Zivilgesellschaft?
Den Teil des öffentlichen Lebens, den Bürgerinnen und Bürger selbst organisieren, außerhalb von Staat und Wirtschaft, in Gruppen, denen sie freiwillig angehören.
Was ist ein Beispiel für Zivilgesellschaft?
Ein Sportverein, eine Tafel, die Freiwillige Feuerwehr, eine Bürgerinitiative gegen eine Umgehungsstraße oder ein Umweltverband.
Welche Aufgaben hat die Zivilgesellschaft?
Sie macht neue Probleme sichtbar, erbringt soziale Leistungen, vertritt Gruppen mit wenig politischem Einfluss und kontrolliert die Mächtigen. Wie stark sie das kann, hängt vom bürgerschaftlichen Engagement vor Ort und von den rechtlichen Rahmenbedingungen ab.
Quellen
- Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Zahl der freiwillig Engagierten in Deutschland weiterhin hoch (Fünfter Deutscher Freiwilligensurvey, 2021)
- Bundeszentrale für politische Bildung: Zivilgesellschaft (Handwörterbuch des politischen Systems)
- Jürgen Habermas: Faktizität und Geltung (Suhrkamp, 1992)
- G. W. F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts (1820)
- Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika (1835 und 1840)
- Adam Ferguson: An Essay on the History of Civil Society (1767)
- Sheri Berman: Civil Society and the Collapse of the Weimar Republic, World Politics 49 (1997)
- Bundesfinanzhof, Urteil vom 10. Januar 2019, V R 60/17 (Attac)
- Vertrag über die Europäische Union, Artikel 11