Definition
Sozialismus bezeichnet eine Ordnung, in der die Produktionsmittel der Gesellschaft gehören oder von ihr kontrolliert werden, oft neben Märkten und demokratischer Regierung. Kommunismus ist das weitergehende Ziel einer klassenlosen Gesellschaft mit Gemeineigentum an allen Produktionsmitteln, Verteilung nach Bedürfnissen und, nach Marx, ohne Staat.
Im April 1946 reichten sich im Berliner Admiralspalast zwei Männer die Hand: Wilhelm Pieck von der KPD und Otto Grotewohl von der SPD. Aus ihren Organisationen entstand in der sowjetischen Besatzungszone die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, kurz SED. Der Händedruck wurde ihr Symbol. Dreizehn Jahre danach, im November 1959, beschloss die Sozialdemokratische Partei Deutschlands in Bad Godesberg ein Programm, das sich ausdrücklich vom Kommunismus abgrenzte. Beide nannten ihr Ziel Sozialismus und meinten damit grundverschiedene Dinge.
An dieser Episode lassen sich die Unterschiede zwischen Sozialismus und Kommunismus gut erklären. Kurz gesagt: Sozialismus bezeichnet eine Ordnung, in der die Produktionsmittel (Fabriken, Land, Banken) der Gesellschaft gehören oder von ihr kontrolliert werden, oft neben Märkten und demokratischer Regierung. Kommunismus bedeutet das weitergehende Ziel einer klassenlosen Gesellschaft, in der alle Produktionsmittel allen gehören und es nach Marx keinen Staat mehr gibt.
Der gemeinsame Ausgangspunkt: Kritik am Kapitalismus
Beide politische Ideologien entstanden als Antwort auf die Industrialisierung. Für viele Menschen hieß Fabrikarbeit im 19. Jahrhundert lange Arbeitstage, Kinderarbeit und ein Leben in überfüllten Städten. Frühe Denker wie Robert Owen in Großbritannien und Henri de Saint-Simon in Frankreich hielten eine Wirtschaft, die nur auf Profit ausgerichtet ist, für nicht gerecht. Das Wort „Sozialismus“ verbreitete sich in den 1820er und 1830er Jahren.
Karl Marx und Friedrich Engels gaben der Kritik 1848 im „Kommunistischen Manifest“ ihre bekannteste Form. In seiner Vorrede von 1890 erklärte Engels, warum sie es nicht „sozialistisches Manifest“ nennen konnten: 1847 sei der Sozialismus eine bürgerliche Bewegung gewesen, der Kommunismus dagegen eine Arbeiterbewegung.
Beide Traditionen teilen also die Diagnose. Der Kapitalismus spaltet die Gesellschaft in Besitzende und Arbeitende, und die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse sollen künftig der ganzen Bevölkerung dienen. Über den Weg dorthin gingen die Meinungen früh auseinander.
Wo die Wege auseinandergehen
Eigentum an den Produktionsmitteln
Die sozialistische Idee umfasst ein breites Spektrum. Manche Sozialisten wollen nur wichtige Bereiche wie Energie, Bahn oder Banken in öffentliche Hand bringen, andere setzen auf Genossenschaften. Kleine Betriebe, Wohnungen und persönlicher Besitz bleiben meist privat. Kommunisten zielen auf Gemeineigentum an allen Produktionsmitteln. Marxisten unterscheiden dabei Privateigentum an Produktionsmitteln (eine Fabrik, die ihrem Besitzer Gewinn aus fremder Arbeit bringt) vom persönlichen Eigentum wie Wohnung, Kleidung oder Auto. Abgeschafft werden soll nur das Erste.
Verteilung: Leistung oder Bedürfnis
Die bekannteste Unterscheidung stammt aus Marx’ eigener Feder, und der Anlass lag in Deutschland. 1875 kritisierte er in der „Kritik des Gothaer Programms“ den Entwurf der gerade vereinigten Sozialistischen Arbeiterpartei. Darin beschrieb er zwei Phasen einer neuen, nachkapitalistischen Gesellschaft:
- Eine niedere Phase, noch geprägt von der alten Ordnung: Jeder erhält Güter im Verhältnis zur geleisteten Arbeit.
- Eine höhere Phase, wenn die Produktion reichlich ist und Arbeit kein bloßes Mittel zum Leben mehr: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“
Lenin nannte 1917 in „Staat und Revolution“ die erste Phase Sozialismus und reservierte die Bezeichnung Kommunismus für die höhere. In diesem Sinn ist Sozialismus eine Vorstufe, und erst die höhere Phase ist die kommunistische Gesellschaft. Diese Lesart wurde in der Sowjetunion und in der Deutschen Demokratischen Republik zur offiziellen Lehre.
Die Rolle des Staates
Für die meisten Sozialisten ist der Staat ein Werkzeug. Eine Demokratie kann besteuern, regulieren, öffentliche Dienste betreiben und Unternehmen besitzen. Der Marxismus sah darin dagegen ein Instrument der Klassenherrschaft, das mit den Klassen überflüssig werden sollte; Engels schrieb, er werde „absterben“. In der Praxis bauten die von kommunistischen Parteien regierten Länder besonders mächtige Staatsapparate auf. Begründet wurde das mit der Übergangszeit, die Marx „Diktatur des Proletariats“ genannt hatte. Kritiker sehen in dieser Diktatur den Kern des Problems, weil die Übergangszeit nie endete.

Reform oder Revolution: der Bruch nach 1917
Politisch trennten sich die Bewegungen vor allem an der Frage, wie die Veränderung kommen soll. Der Sozialdemokrat Eduard Bernstein argumentierte 1899, der Sozialismus lasse sich schrittweise über Wahlen, Gewerkschaften und Reformen erreichen. Lenin lehnte das ab. Nach der Oktoberrevolution nannten sich die Bolschewiki 1918 Kommunistische Partei und gründeten 1919 die Kommunistische Internationale. Sie wollten sich damit auch von der Sozialdemokratie abgrenzen, die im Ersten Weltkrieg vielerorts ihre Regierungen unterstützt hatte. Die Zweite Internationale der sozialistischen Organisationen war daran zerbrochen. In Deutschland entstand die KPD zum Jahreswechsel 1918/19 aus dem linken Flügel der Arbeiterbewegung.
| Frage | Sozialismus (demokratisch, sozialdemokratisch) | Kommunismus (marxistisch-leninistisch) |
|---|---|---|
| Eigentum | öffentlich, genossenschaftlich oder gemischt | Gemeineigentum an allen Produktionsmitteln |
| Verteilung | nach Leistung, ergänzt durch Sozialstaat | nach Leistung im Übergang, am Ende nach Bedürfnis |
| Staat | demokratisches Werkzeug für Reformen | stark im Übergang, soll danach absterben |
| Weg zur Macht | Wahlen, Gewerkschaften, schrittweise Reformen | Revolution unter Führung einer Avantgarde |
| Politisches System | Mehrparteiendemokratie, Freiheit der Opposition | in der Praxis Einparteienherrschaft |
| Beispiele | SPD nach 1959, skandinavische Sozialdemokraten | Sowjetunion, China unter Mao, Kuba, Nordkorea |
Zurück nach Berlin und Bad Godesberg
Die DDR bezeichnete sich nie als kommunistisch. Ihre Verfassung von 1968 nannte sie in Artikel 1 einen „sozialistischen Staat deutscher Nation“, und die SED sprach in den 1970er Jahren vom „real existierenden Sozialismus“. Der Kommunismus blieb ein ferner Endpunkt. Im Sinne Lenins war die DDR ein sozialistisches Land mit kommunistischem Anspruch, regiert von einer Einheitspartei mit Machtmonopol.
Die SPD ging den anderen Weg. Laut der Deutschland-Chronik der Bundeszentrale für politische Bildung grenzte sich das Godesberger Programm vom Marxismus und Kommunismus ab und bejahte parlamentarische Demokratie und Privateigentum. Der Kernsatz lautete: „Sozialismus wird nur durch die Demokratie verwirklicht, die Demokratie durch den Sozialismus erfüllt.“ Als Grundwerte nannte das Programm Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Wirtschaftspolitisch galt die Formel, Wettbewerb solle so weit wie möglich herrschen und Planung nur so weit wie nötig. In der Bundesrepublik war die KPD bereits 1956 vom Bundesverfassungsgericht verboten worden.

Sozialismus heute: Länder und Parteien
Kein Land hat jemals erklärt, den Kommunismus im Sinne der Theorie erreicht zu haben. Die Sowjetunion verstand sich bis 1991 als sozialistisches Land auf dem Weg dorthin. Heute regieren in fünf Ländern Parteien dieser Tradition:
- China nennt seine Ordnung „Sozialismus chinesischer Prägung“, mit einem großen Privatsektor neben staatlich gelenkten Unternehmen.
- Vietnam und Laos verbinden ebenfalls Marktreformen mit Einparteienherrschaft.
- Kuba hält am Staatseigentum fest, lässt aber seit einigen Jahren mehr private Kleinbetriebe zu.
- Nordkorea gilt als das am stärksten abgeschottete und zentral gelenkte System.
In Europa taucht das Wort Sozialismus dagegen in demokratischen Zusammenhängen auf. Portugals Verfassung spricht in ihrer Präambel vom Weg zu einer sozialistischen Gesellschaft. Viele sozialdemokratische Parteien führen den demokratischen Sozialismus weiterhin als Leitbild in ihren Programmen. In Europa ist mit „sozialistisch“ deshalb heute meist Reform innerhalb der Demokratie gemeint.
Wie die einzelnen Richtungen argumentieren
Vier Positionen prägen die Debatte, und jede hat ernsthafte Argumente.
- Demokratische Sozialisten sagen: Politische Demokratie bleibt unvollständig ohne wirtschaftliche Mitbestimmung. Wer im Staat wählen darf, sollte auch im Betrieb mitreden. Als Belege nennen sie öffentliche Gesundheitssysteme, kostenlose Bildung und starke Gewerkschaften.
- Kommunisten halten Reformen für unzureichend. Solange das Kapital wenigen gehört, würden die Besitzenden jeden Fortschritt wieder zurückdrehen. Nur eine grundlegende Umwälzung beende die Ausbeutung.
- Sozialdemokraten akzeptieren die Marktwirtschaft und wollen sie über Steuern, soziale Sicherung und Tarifverträge zähmen. Die skandinavischen Länder gelten oft als Beispiel; ihre Regierungen betonen allerdings, dass sie Marktwirtschaften sind.
- Marktliberale Kritiker lehnen beides ab. Ludwig von Mises (1920) und Friedrich August von Hayek (1945) argumentierten, ohne Marktpreise könnten Planer nicht wissen, was Menschen brauchen und wie knapp Ressourcen sind. Wer wirtschaftliche Macht beim Staat bündelt, bündele zudem politische Macht. Darin sehen sie die Lehre aus der Erfahrung der Sowjetunion und der DDR.
Häufige Fragen
Ist Sozialismus eine Vorstufe des Kommunismus?
In der marxistisch-leninistischen Lehre ja: Sozialismus ist die niedere Phase. Demokratische Sozialisten und die Sozialdemokratie sehen das anders. Für sie steht Sozialismus für sich, als Ordnung, die mit Wahlen und Grundrechten vereinbar ist.
Gibt es im Sozialismus Privateigentum?
Persönliches Eigentum fast immer, private Unternehmen in vielen Varianten ebenfalls. Gestritten wird darüber, wer die großen Produktionsmittel einer Volkswirtschaft kontrollieren soll.
War die DDR sozialistisch oder kommunistisch?
Nach eigenem Verständnis sozialistisch. Die klassenlose Gesellschaft betrachtete die SED als Aufgabe einer späteren Zeit. Im westlichen Sprachgebrauch galt sie trotzdem oft als kommunistischer Staat, wegen ihrer marxistisch-leninistischen Staatspartei.
Ist China sozialistisch oder kommunistisch?
China wird von der Kommunistischen Partei regiert, nennt sich sozialistisch und betreibt in der Praxis eine gemischte Wirtschaft, die Märkte mit strikter politischer Kontrolle verbindet.
Quellen
- Bundeszentrale für politische Bildung: Deutschland-Chronik, 13.–15. Nov. 1959 (Godesberger Programm)
- Karl Marx und Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei (1848), mit Engels' Vorrede von 1890
- Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms (1875)
- Wladimir I. Lenin: Staat und Revolution (1917)
- Eduard Bernstein: Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie (1899)
- Ludwig von Mises: Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen (1920)
- Friedrich A. Hayek: The Use of Knowledge in Society, American Economic Review 35 (1945)
- Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik (1968), Artikel 1
- Grundsatzprogramm der SPD (Godesberger Programm, 1959)