Definition
Ein Failed State (gescheiterter Staat) ist ein Staat, der seine grundlegenden Aufgaben nicht mehr erfüllen kann: Er hat das Gewaltmonopol verloren, kontrolliert sein Gebiet und die Grenzen nicht mehr und kann kaum noch Grundleistungen bieten. Formal besteht er weiter, doch Milizen, Clans oder lokale Machthaber haben vieles übernommen.
Als Failed State, auf Deutsch gescheiterter Staat, bezeichnet die Politikwissenschaft einen Staat, der seine grundlegenden Aufgaben nicht mehr erfüllen kann. Er sorgt nicht mehr für Sicherheit, kontrolliert sein Staatsgebiet und die Grenzen nicht mehr und kann der Bevölkerung kaum noch Basisleistungen bieten. Formal besteht er weiter und behält meist seinen Sitz in den Vereinten Nationen. Im Inneren haben aber Milizen, Clans, Banden oder lokale Machthaber vieles übernommen, was früher staatliche Aufgabe war.
Eine völkerrechtliche Definition gibt es nicht, und Politikwissenschaftler streiten darüber, wo die Grenze verläuft. Dieser Beitrag zerlegt den Begriff in vier Prüffragen und wendet sie auf bekannte Fälle an.
Woher der Begriff kommt
Geprägt wurde der Ausdruck 1992. Zwei Mitarbeiter des US-Außenministeriums, Gerald Helman und Steven Ratner, veröffentlichten in der Zeitschrift *Foreign Policy* den Aufsatz „Saving Failed States“. Anlass war Somalia: Ein Jahr nach dem Sturz von Siad Barre breiteten sich dort Hungersnot und Clan-Kriege aus. Die Autoren forderten neue internationale Mittel für Staaten, die nicht mehr regieren konnten.
Die Idee dahinter ist älter. Max Weber bestimmte den Staat 1919 in seinem Vortrag „Politik als Beruf“ als diejenige menschliche Gemeinschaft, die innerhalb eines bestimmten Gebietes „das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht“. Staatsversagen bedeutet in diesem Sinn den Verlust des Gewaltmonopols.
In Deutschland bürgerten sich daneben „Staatszerfall“ und „Staatsversagen“ ein. An der Freien Universität Berlin untersuchte der Sonderforschungsbereich 700 von 2006 bis 2017 „Räume begrenzter Staatlichkeit“, also Gebiete, in denen die Zentralgewalt Regeln nicht oder nur teilweise durchsetzen kann. Der Begriff ist bewusst vorsichtiger als das englische Etikett.
Das Vier-Fragen-Raster
Die meisten Definitionen kombinieren vier staatliche Funktionen. Die Leitlinien der Bundesregierung zu fragilen Staaten von 2012 nennen drei davon ausdrücklich: Gewaltmonopol, Legitimität und staatliche Grundleistungen. Die Kontrolle über das Territorium kommt als vierte Prüffrage hinzu. Ein Land kann bei einer Frage durchfallen und die anderen bestehen. Deshalb ist das Etikett so oft umstritten.
1. Sicherheit: Wer hat das Gewaltmonopol?
Wo Staatsversagen vorliegt, setzen nichtstaatliche Akteure wie Milizen, Aufständische, kriminelle Banden, Söldner oder Warlords Gewalt ein, ohne dass jemand sie aufhält. Armee und Polizei zerfallen oft entlang politischer oder ethnischer Linien.
2. Territorium: Reicht die Kontrolle bis an die Grenzen?
Eine abgelegene Provinz zu verlieren, kommt in vielen Ländern vor. Gehen große Landesteile oder sogar die Hauptstadt an bewaffnete Gruppen verloren, deutet das auf einen Zusammenbruch hin. Aufgrund fehlender Kontrolle werden Grenzen dann oft zu Korridoren für Schmuggel und Flucht.
3. Grundleistungen: Funktioniert der Alltag?
Gibt es Gerichte, Schulen, Kliniken, Straßen, sauberes Wasser und eine stabile Währung? Wo der Staat diese Aufgaben nicht mehr leisten kann, fehlt das alles, und die Gesellschaft organisiert sich selbst. Hilfsorganisationen, Kirchen oder bewaffnete Bewegungen springen ein.
4. Legitimität: Wird die Regierung anerkannt?
Akzeptieren die Bürgerinnen und Bürger das Recht der Machthaber zu herrschen, und erkennen andere Staaten sie an? Korruption und gefälschte Wahlen zehren am Rückhalt im Inland. Die internationale Anerkennung kann weitgehend ausbleiben, wie nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan 2021.
| Prüffrage | Kernfrage | Typische Warnzeichen |
|---|---|---|
| Sicherheit | Wer hat das Gewaltmonopol? | Milizen, Bandenherrschaft, gespaltene Armee |
| Territorium | Kontrolliert die Staatsführung Land und Grenzen? | Rebellengebiete, offene Grenzen, verlorene Hauptstadt |
| Grundleistungen | Kann der Staat das Nötigste leisten? | Geschlossene Schulen und Kliniken, Währungsverfall, Abhängigkeit von Hilfe |
| Legitimität | Akzeptieren Bevölkerung und Ausland die Führung? | Korruption, rivalisierende Regierungen, keine Anerkennung |

Fragil, scheiternd, gescheitert, zusammengebrochen
Die Forschung behandelt Staatszerfall meist als Frage des Grades. Weil die Grenze so schwer zu ziehen ist, sprechen viele Fachleute lieber vom „failing state“, dem scheiternden Staat. Die Stufen im Überblick:
- Fragiler Staat: anfällig für Krisen, hat Defizite, regiert aber noch.
- Scheiternder Staat (failing state): verliert bei einer oder mehreren Prüffragen an Boden.
- Gescheiterter Staat: hat große Teile seines Gebiets und seiner Aufgaben verloren.
- Zusammengebrochener Staat (collapsed state): Die zentrale Gewalt ist praktisch verschwunden, wie am Horn von Afrika in den 1990er-Jahren.
Einen festen Schwellenwert gibt es nicht, auch aufgrund der Frage, welche Defizite man stärker gewichtet. Deshalb kommen Fachleute beim selben Land oft zu unterschiedlichen Urteilen.
Wie Staatszerfall gemessen wird
Das bekannteste Instrument ist der Fragile States Index des Fund for Peace, einer unabhängigen Forschungsorganisation in Washington. Er erschien ab 2005 als „Failed States Index“ zusammen mit *Foreign Policy* und wurde 2014 umbenannt, weil Fragilität ein Spektrum ist. Zwölf Indikatoren in vier Gruppen fließen ein, darunter Sicherheitsapparat, zersplitterte Eliten, wirtschaftlicher Niedergang, Legitimität des Staates, öffentliche Dienstleistungen, Flüchtlinge und Interventionen von außen. Jeder Indikator wird von 0 bis 10 bewertet, die Gesamtpunktzahl liegt also zwischen 0 und 120.
Die Weltbank führt zusätzlich eine jährliche Liste fragiler und von Konflikten betroffener Situationen, nach der sie Hilfe ausrichtet. Beide Werkzeuge ordnen Länder nach Fragilität. Keines erklärt einen Staat offiziell für „gescheitert“.
Das Raster in der Praxis: Beispiele aus aller Welt
Somalia
Nach dem Sturz von Siad Barre 1991 hatte das Land jahrelang keine funktionierende Zentralgewalt. Es fiel bei allen vier Prüffragen durch und wurde zum Standardbeispiel. Seit 2012 gibt es eine Bundesregierung in Mogadischu, doch sie ringt mit der Miliz al-Shabaab um große Landesteile. Im Norden verwaltet sich Somaliland seit 1991 weitgehend stabil selbst, ohne international anerkannt zu sein.
Afghanistan
Deutschland war hier von 2002 bis zum Abzug 2021 militärisch präsent, das ISAF-Regionalkommando Nord wurde jahrelang von der Bundeswehr geführt. Die Taliban, die im August 2021 die Macht übernahmen, kontrollieren heute fast das gesamte Land. Viele Beobachter halten fest, dass sie Gewaltmonopol und Gebietskontrolle weitgehender durchsetzen als die Vorgängerregierung. Bei Grundleistungen und internationaler Anerkennung sehen dieselben Beobachter dagegen große Defizite.
Mali
Nach einem Aufstand im Norden und einem Putsch 2012 verlor Bamako die Kontrolle über weite Teile des Landes. Die Bundeswehr beteiligte sich ab 2013 an der UN-Mission MINUSMA, die Ende 2023 endete. Mali zeigt, wie aus einem fragilen Staat ein scheiternder werden kann, ohne dass er vollständig zusammenbricht.

Drei Sichtweisen auf gescheiterte Staaten
Die sicherheitspolitische Sicht
Nach dem 11. September 2001 galten zerfallende Staaten als Rückzugsraum für Terrorgruppen, Piraten und Schmuggler. Die US-Sicherheitsstrategie von 2002 hielt fest, Amerika sei heute weniger durch erobernde als durch scheiternde Staaten bedroht. Die Europäische Sicherheitsstrategie von 2003 zählte das Scheitern von Staaten ebenfalls zu den Hauptbedrohungen. Befürworter sehen Stabilisierung deshalb als Selbstschutz, notfalls mit militärischer Intervention und internationalen Missionen.
Die institutionelle Sicht
Entwicklungsforscher betonen, dass Staatszerfall vor allem eine humanitäre Katastrophe für die Gesellschaft vor Ort ist, besonders für die vielen jungen Menschen ohne Schule und Arbeit. Ashraf Ghani und Clare Lockhart plädierten 2008 in *Fixing Failed States* dafür, staatliche Kernfunktionen wieder aufzubauen, statt Parallelstrukturen der Hilfe zu betreiben. Daron Acemoglu und James Robinson führen dauerhaftes Scheitern in *Why Nations Fail* (2012) auf ausbeuterische politische und wirtschaftliche Institutionen zurück.
Die Kritik am Begriff
Andere halten das Etikett für irreführend. Charles Call argumentierte 2008, es werfe ganz verschiedene Probleme von Bürgerkrieg bis Armut in einen Topf. Postkoloniale Kritiker verweisen auf das koloniale Erbe willkürlicher Grenzen, die viele der jungen Staaten nach der Dekolonisierung belasteten, und darauf, dass der Maßstab ein westliches Staatsmodell ist. Somaliland zeige, dass Ordnung auch ohne anerkannte Zentralregierung entstehen kann.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen einem fragilen und einem gescheiterten Staat?
Ein fragiler Staat ist gefährdet, regiert aber noch. Ein Failed State hat Kernaufgaben wie Sicherheit und Gebietskontrolle bereits verloren. Das Politiklexikon der Bundeszentrale für politische Bildung nennt als Kernaufgaben die innere und äußere Sicherheit, Basisleistungen bei Gesundheit, Bildung und Wohlfahrt sowie Rechtsstaatlichkeit.
Kann sich ein gescheiterter Staat erholen?
Ja. Sierra Leone und Liberia beendeten Anfang der 2000er-Jahre lange Bürgerkriege und bauten mit Hilfe von UN-Friedenstruppen und internationaler Unterstützung wieder funktionierende Regierungen auf.
Ist Somalia heute noch ein Failed State?
Das Land hat eine anerkannte Bundesregierung, deren Autorität aber nicht überall gilt. Im Fragile States Index steht es weiterhin weit oben.
Checkliste: Ist dieser Staat gescheitert?
Bevor Sie das Etikett verwenden, lohnen sich diese Fragen:
- Hat die Staatsführung das Gewaltmonopol, oder handeln bewaffnete Gruppen ungehindert?
- Kontrolliert sie die Hauptstadt, die wichtigsten Regionen und die Grenzen?
- Bietet sie Grundleistungen und eine stabile Währung?
- Erkennt die Mehrheit der Bevölkerung sie an, und tun andere Staaten das auch?
- Bei welchen Fragen fällt der Staat durch, und seit wann?
- Beschreibt ein engerer Begriff wie Bürgerkrieg, Aufstand oder umstrittene Herrschaft die Lage genauer?
Wer seit Jahren bei allen vier Prüffragen durchfällt, entspricht dem klassischen Bild. Wer nur bei einer oder zwei scheitert, ist eher fragil oder ein failing state. Die ausgefallenen Funktionen zu benennen, sagt meist mehr als das Etikett.
Quellen
- Bundeszentrale für politische Bildung: Politiklexikon, failed states
- Gerald B. Helman, Steven R. Ratner: Saving Failed States, Foreign Policy 89 (1992/93)
- Max Weber: Politik als Beruf (Vortrag, 1919)
- Die Bundesregierung: Leitlinien für eine kohärente Politik der Bundesregierung gegenüber fragilen Staaten (2012)
- Die Bundesregierung: Krisen verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern (Leitlinien, 2017)
- Europäische Sicherheitsstrategie: Ein sicheres Europa in einer besseren Welt (2003)
- Sonderforschungsbereich 700: Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit, Freie Universität Berlin (2006 bis 2017)
- Robert I. Rotberg (Hrsg.): When States Fail (Princeton University Press, 2004)
- Ashraf Ghani, Clare Lockhart: Fixing Failed States (Oxford University Press, 2008)
- Charles T. Call: The Fallacy of the Failed State, Third World Quarterly 29:8 (2008)
- Daron Acemoglu, James A. Robinson: Why Nations Fail (Crown, 2012)
- Fund for Peace: Fragile States Index, Indicators