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Soft Power: Was weiche Macht ausmacht und wie man sie einschätzt

Zuletzt geprüft  6 Min. Lesezeit

Definition

Soft Power bezeichnet die Fähigkeit eines Landes oder eines anderen Akteurs, andere durch Anziehung statt durch Zwang oder Bezahlung für die eigenen Ziele zu gewinnen. Joseph Nye, der den Begriff 1990 prägte, führt sie auf Kultur, politische Werte und eine als legitim geltende Außenpolitik zurück.

Internationale Studierende im Gespräch auf dem Campus einer historischen Universität

Soft Power bezeichnet die Fähigkeit eines Landes oder eines anderen Akteurs, andere für die eigenen Ziele zu gewinnen, ohne sie zu zwingen oder zu bezahlen. Der Begriff stammt von dem US-Politikwissenschaftler Joseph Nye. Er hat ihn knapp so umschrieben: Man bringt andere dazu, das zu wollen, was man selbst will.

Im Deutschen ist manchmal von „weicher Macht“ die Rede. Durchgesetzt hat sich aber der englische Ausdruck, auch in der Bundesregierung. Dieser Beitrag erklärt die Bedeutung des Konzepts, grenzt es von wirtschaftlicher oder militärischer Macht ab und stellt ein einfaches Raster vor, mit dem Sie die Anziehungskraft eines Staates selbst einschätzen können.

Was versteht man unter weicher Macht?

Macht ist in diesem Verständnis die Fähigkeit, das Verhalten anderer so zu beeinflussen, dass man erreicht, was man will. Für diese politische Machtausübung gibt es drei grundsätzliche Wege:

  1. Zwang: militärische Drohungen, Blockaden, Sanktionen.
  2. Bezahlung: Hilfszahlungen, Handelsvorteile und andere wirtschaftliche Anreize.
  3. Anziehung: Ideen, Kultur und eine Lebensweise, die andere bewundern.

Zwang und Bezahlung, also „Peitsche und Zuckerbrot“, bilden die Hard Power. Anziehung ist die Grundlage der dritten Form. Sie wirkt über Überzeugung und Vorbild. Wer anziehend ist, kann sogar mitbestimmen, welche Fragen in den internationalen Beziehungen überhaupt auf die Tagesordnung kommen.

Drei Formen von Macht im Vergleich

Hard Power Weiche Macht Smart Power
Mechanismus Wirtschaftliche Anreize, militärische Drohungen Anziehung und Überzeugung Kombination beider Formen
Typische Mittel Militärische Stärke, Sanktionen, an Bedingungen geknüpfte Hilfe Kultur, politische Ideale, eine als legitim geltende Außenpolitik Bündnisse, Entwicklungszusammenarbeit, Diplomatie mit glaubwürdiger Abschreckung
Wer darüber verfügt Vor allem Staaten Oft Zivilgesellschaft, Hochschulen, Unternehmen, Medien Staaten, die die übrigen Akteure einbinden
Zeithorizont Schnell, oft binnen Tagen sichtbar Langsam, wächst über Jahre Je nach Mischung

Die meisten Regierungen verfügen über alle drei und wählen das Mittel nach der Aufgabe.

Wer hat den Begriff geprägt?

Joseph Nye stellte das Konzept 1990 vor, in seinem Buch *Bound to Lead* und in einem Aufsatz in der Zeitschrift *Foreign Policy*. Damals sagten viele Autoren den Niedergang der Vereinigten Staaten voraus. Nye hielt dagegen: Amerika besaß eine Quelle von Einfluss, mit der die Sowjetunion nicht mithalten konnte, nämlich die Anziehungskraft ihrer Universitäten, Filme und offenen Gesellschaft.

Im Jahr 2004 baute er die Idee in einem weiteren Buch aus, das auch in Europa breit diskutiert wurde. Zwei neue, verwandte Begriffe kamen hinzu:

  • Smart Power: Suzanne Nossel verwendete ihn 2004 in *Foreign Affairs*. Joseph Nye griff ihn auf, um zu betonen, dass Anziehung den Zwang ergänzen und nicht ersetzen soll. Eine Kommission des Washingtoner Think Tanks CSIS unter Richard Armitage und ihm machte ihn 2007 bekannt.
  • Sharp Power: Christopher Walker und Jessica Ludwig vom National Endowment for Democracy prägten 2017 diesen Ausdruck für Versuche autoritärer Regime, die öffentliche Meinung im Ausland durch Zensur, Desinformation und verdeckte Einflussnahme zu lenken. Der Harvard-Professor zog später dieselbe Grenze: Anziehung beruht auf freiwilliger Zustimmung, Sharp Power auf Täuschung.

Das Drei-Quellen-Modell nach Nye

Woraus speist sich die Anziehungskraft eines Staates? Nye nennt drei Ressourcen. Jede wirkt nur unter einer Bedingung, und genau darin liegt der Nutzen des Modells als Prüfraster.

  1. Kultur, sofern sie für Menschen in anderen Ländern attraktiv ist. Hochkultur zählt ebenso wie Popkultur, Sport, Bildung oder Wissenschaft.
  2. Politische Werte, sofern eine Regierung sie im Inland wie im Ausland tatsächlich einhält. Wer Rechtsstaatlichkeit predigt und sie zu Hause missachtet, verliert Glaubwürdigkeit.
  3. Die Politik nach außen, sofern andere sie als legitim und moralisch begründet ansehen.

Daraus folgt eine wichtige Einsicht: Die militärische Stärke kann gleich bleiben, während das Ansehen sinkt. Nye selbst deutete den Ansehensverlust der Vereinigten Staaten nach dem Irakkrieg 2003 in diesem Sinn.

Hat Deutschland Soft Power?

Die Bundesregierung verwendet den Begriff ausdrücklich. Nach Darstellung des Auswärtigen Amts zur Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik trägt diese „maßgeblich zur soft power Deutschlands bei“. Sie stützt sich auf Mittlerorganisationen, die eigenständig arbeiten und mit öffentlichen Mitteln gefördert werden:

  • das Goethe-Institut, gegründet 1951, heute mit rund 150 Instituten weltweit,
  • den DAAD und die Alexander von Humboldt-Stiftung, die Studierende und Forschende nach Deutschland holen,
  • das Deutsche Archäologische Institut und das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa),
  • die Deutschen Auslandsschulen und die Deutsche Welle, deren Informationen auch dort zugänglich sind, wo die Presse nicht frei ist.

Das Ziel der Bundesregierung ist Unterstützung für die außenpolitischen Interessen Deutschlands bei Partnern in aller Welt, insbesondere durch Vertrauen und persönliche Verbindungen. Wer an einer deutschen Hochschule studiert oder eine der Schulen im Ausland besucht hat, bleibt Deutschland oft dauerhaft verbunden. Diese Form der Machtausübung ist dann erfolgreich, wenn sie gar nicht als solche wahrgenommen wird.

Auch die Europäische Union gilt als Akteur mit eigener Anziehungskraft. Das Austauschprogramm Erasmus läuft seit 1987 und hat Millionen junger Menschen in andere Länder Europas geführt. Der Politikwissenschaftler Ian Manners beschrieb die EU 2002 als „normative Macht“, die über Regeln wirkt. Anu Bradford prägte den Ausdruck „Brüssel-Effekt“ für die Beobachtung, dass Unternehmen in der ganzen Welt EU-Standards übernehmen, etwa im Datenschutz.

Besucherinnen und Besucher in der Bibliothek eines deutschen Kulturinstituts im Ausland
Fig. 1.1 Kulturinstitute und Austauschprogramme wirken langsam und lassen sich kaum steuern.

Welche Beispiele gibt es weltweit?

Andere Staaten setzen eigene Schwerpunkte. Einige bekannte Fälle:

  • Großbritannien und Frankreich: Der British Council (seit 1934) und die Alliance Française (seit 1883) sind ältere Vorbilder des Goethe-Instituts.
  • Südkorea: Die „koreanische Welle“ aus Serien, Filmen und K-Pop entstand vor allem in der Privatwirtschaft und hat das Ansehen Südkoreas in der Welt gestärkt, insbesondere in Asien.
  • Norwegen: Als Gastgeber der Geheimgespräche, die 1993 zu den Oslo-Abkommen führten, hat sich ein kleines Land einen Ruf als Vermittler erarbeitet.
  • China: Seit 2004 entstehen Konfuzius-Institute. Im Jahr 2007 rief Hu Jintao auf dem 17. Parteitag dazu auf, Kultur gezielt als Machtquelle Chinas im Ausland zu stärken. Die politische Bedeutung dieser Entwicklung wird seither in China wie im Westen diskutiert. Mehrere deutsche Hochschulen haben die Zusammenarbeit mit solchen Instituten inzwischen beendet, weil sie Einflussnahme aus China fürchteten.
  • Vereinigte Staaten: Das Fulbright-Programm bringt seit 1946 Studierende und Forschende an amerikanische Hochschulen.

Grenzen und Kritik

Befürworter halten Anziehung für günstiger als den Einsatz von Gewalt und für dauerhafter. Politische Bündnisse entstehen leichter, wenn Partner einander vertrauen. Bündnisse wie die NATO beruhen demnach auf gemeinsamen Überzeugungen ebenso wie auf militärischer Stärke.

Realisten wenden ein, Anziehungskraft sei zwar real, aber zweitrangig. Regierungen folgen ihren Interessen, und die Begeisterung für amerikanische Filme hat keine Regierung davon abgehalten, sich gegen amerikanische Kriege zu stellen. Zudem könnte Anziehung eine Folge von Stärke sein: Reiche, mächtige Staaten finden Bewunderer, weil sie reich und mächtig sind.

In Deutschland hat der russische Angriff auf die Ukraine 2022 diese Debatte verschärft. Mit dem Stichwort „Zeitenwende“ rückte die Frage in den Vordergrund, ob Deutschland, das stark auf Anziehung gesetzt hat, im Ernstfall genug militärische Mittel für den Einsatz besitzt. Die Bundesregierung kündigte damals ein Sondervermögen für die Bundeswehr an. Andere Stimmen betonen, dass gerade Glaubwürdigkeit und Partnerschaften Bündnisse zusammenhalten.

Eine dritte Kritik zielt auf das Konzept selbst. Es sei so weit, dass sich fast alles darunter fassen lasse, von Sportgroßereignissen bis zur Küche. Und Anziehung sei weniger sanft, als sie klingt, weil auch Erzählungen Druck erzeugen können.

Infografik zum Vergleich der drei Machtformen nach Mechanismus, Mitteln und Zeithorizont
Fig. 1.2 Drei Formen von Macht im Überblick: worauf sie beruhen und wie schnell sie wirken.

Wie misst man Soft Power?

Ein einheitliches Maß gibt es nicht. Forschende arbeiten mit Näherungswerten:

  • Umfragen zum Ansehen eines Staates im Ausland, etwa vom Pew Research Center,
  • zusammengesetzte Ranglisten wie „Soft Power 30“ (2015 bis 2019) und der Index von Brand Finance (seit 2020), die viele Informationen bündeln,
  • die Zahl ausländischer Studierender, Touristen und Fachkräfte sowie die internationale Reichweite von Filmen, Musik und Medien.

Beliebtheit ist dabei nicht dasselbe wie Einfluss. Auch ein bewunderter Staat kann in einer konkreten Frage scheitern, andere zu überzeugen. Die Entwicklung solcher Werte über mehrere Jahre sagt meist mehr als ein einzelner Platz in einer aktuellen Rangliste.

Checkliste: die Anziehungskraft eines Staates einschätzen

Mit diesen sechs Fragen können Sie die Anziehungskraft eines Landes grob einordnen. Sie übertragen das Drei-Quellen-Modell in ein Prüfraster:

  1. Ist die Kultur über die Landesgrenzen hinaus gefragt, in Sprache, Medien, Sport oder Wissenschaft?
  2. Hält die Regierung die Werte, die sie nach außen vertritt, auch im Inland ein?
  3. Gilt die Politik nach außen bei Partnern als legitim, oder vor allem als eigennützig?
  4. Kommen ausländische Studierende, Forschende und Fachkräfte freiwillig, und kehren sie mit einem guten Bild zurück?
  5. Tragen Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft eigenständig zum Bild des Landes bei?
  6. Wird Einfluss offen ausgeübt, oder stützt er sich auf Zensur und verdeckte Mittel, also eher auf Sharp Power?

Je mehr Fragen Sie mit Ja beantworten (bei Frage 6 mit „offen“), desto größer ist die Anziehungskraft. Ob sie im Ernstfall reicht, ist eine andere Frage, und an ihr scheiden sich die Schulen der internationalen Politik bis heute.

Quellen

  1. Auswärtiges Amt: Abteilung Kultur und Gesellschaft, Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik
  2. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages: Soft Power (Der aktuelle Begriff, 2006)
  3. Joseph S. Nye Jr.: Bound to Lead. The Changing Nature of American Power (Basic Books, 1990)
  4. Joseph S. Nye Jr.: Soft Power. The Means to Success in World Politics (PublicAffairs, 2004)
  5. Christopher Walker, Jessica Ludwig: Sharp Power. Rising Authoritarian Influence (National Endowment for Democracy, 2017)