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Gleichgewicht der Mächte: Was hinter der Balance of Power steckt

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Definition

Das Gleichgewicht der Mächte (Balance of Power) ist die Idee, dass Staaten sicherer sind, wenn die Macht im internationalen System so verteilt ist, dass kein einzelner Staat die anderen beherrschen kann. Wird ein Land zu mächtig, rüsten andere auf oder schließen Bündnisse gegen es, bis wieder ein ungefährer Ausgleich besteht.

Diplomaten in Kleidung des frühen 19. Jahrhunderts stehen in einem Palaissalon an einem langen Tisch mit einer alten Europakarte und versiegelten Dokumenten

Wien, Winter 1814/15. Napoleon ist geschlagen und sitzt auf Elba, während in der Hofburg und den Palais der Stadt die Sieger über die Neuordnung Europas verhandeln. Dann droht der Kongress zu platzen: Russland will Polen, Preußen will ganz Sachsen. Am 3. Januar 1815 schließen Großbritannien, Österreich und ausgerechnet das besiegte Frankreich ein geheimes Verteidigungsbündnis. Die drei wollen verhindern, dass ein einzelner Staat den Kontinent beherrscht. Dieses Prinzip heißt Gleichgewicht der Mächte, im Englischen Balance of Power.

Am Ende erhielt Preußen nur einen Teil Sachsens, Russland mit Kongresspolen den größten Teil des Herzogtums Warschau, und der Kongress ging weiter. Die Episode zeigt im Kleinen, wie das Prinzip funktioniert: Wer zu mächtig zu werden droht, ruft Gegenmacht hervor.

Was bedeutet Gleichgewicht der Mächte?

Der Begriff hat in den internationalen Beziehungen zwei Bedeutungen. Er beschreibt einen Zustand, in dem die Macht so verteilt ist, dass keine Großmacht die anderen dominieren kann. Und er bezeichnet eine Politik, die diesen Zustand bewusst herstellt oder bewahrt, durch Aufrüstung oder durch Bündnisse.

Die Grundlage ist die sogenannte Anarchie der internationalen Politik. Gemeint ist kein Chaos, sondern das Fehlen einer Weltregierung, die Regeln durchsetzen und Länder voreinander schützen könnte. Jede Regierung muss selbst für ihre Sicherheit sorgen. Ein übermächtiger Nachbar ist deshalb auch dann ein Risiko, wenn er heute friedlich auftritt, denn Absichten ändern sich schneller als militärische Fähigkeiten. Eine solche Machtverteilung schützt vor allem den Status quo.

Der Fall Wien: Wie die Pentarchie Europa austarierte

Der Wiener Kongress tagte von September 1814 bis Juni 1815, die Schlussakte wurde am 9. Juni 1815 unterzeichnet. Selbst Napoleons Rückkehr im März 1815 sprengte die Verhandlungen nicht. Am Tisch saßen Österreich, Großbritannien, Russland, Preußen und Frankreich, später Pentarchie genannt.

Großmacht Wichtigster Vertreter Interesse in Wien
Österreich Außenminister Metternich, später österreichischer Staatskanzler Stabilität in Mitteleuropa, Eindämmung Russlands
Großbritannien Außenminister Castlereagh Kein Hegemon auf dem Kontinent
Russland Zar Alexander I. Gewinne in Polen
Preußen Staatskanzler Hardenberg Gewinne in Sachsen und am Rhein
Frankreich Außenminister Talleyrand Rückkehr als gleichberechtigte Macht

Nach mehr als zwanzig Jahren Krieg seit der Französischen Revolution ruhte die Wiener Ordnung auf drei Säulen:

  • einer territorialen Neuverteilung, die alle Sieger akzeptieren konnten, darunter das neue Königreich der Vereinigten Niederlande als Puffer im Norden Frankreichs,
  • regelmäßigen Konferenzen der führenden Höfe,
  • dem Deutschen Bund, der die Rivalität zwischen Preußen und Österreich entschärfte. Der Bund zerbrach erst 1866 im Krieg zwischen beiden.

Frankreich wurde eingehegt, aber nicht gedemütigt. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt, wie diese Ordnung lange einen Ausgleich zwischen den Großmächten sicherte und erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erodierte.

Aus dem Wiener System wuchs das Europäische Konzert. Seine Vertreter trafen sich in Aachen (1818), Troppau (1820), Laibach (1821) und Verona (1822). Bis zum Krimkrieg (1853 bis 1856) führten die Mitglieder der Pentarchie keinen Krieg gegeneinander. Danach zerfiel das System: Unter Napoleon III. suchte Frankreich die Revision der Wiener Verträge und kämpfte 1859 in Italien an der Seite Piemont-Sardiniens gegen Österreich, nationale Bewegungen wurden zum Werkzeug der Regierungen, und mit dem Königreich Italien und dem Deutschen Reich entstanden in wenigen Jahren zwei neue Großmächte, beide auf Kosten Österreichs und Frankreichs.

Langer Korridor eines europäischen Barockpalais mit hohen Fenstern und historischen Landkarten an den Wänden, zwei kleine Figuren in der Ferne
Fig. 1.1 Von Utrecht bis Wien prägte die Diplomatie der europäischen Großmächte die klassische Form des Gleichgewichts.

Die Theorie dahinter: Realismus und Neorealismus

Was in Wien Praxis war, wurde im 20. Jahrhundert zur Theorie. Sie gehört zum Realismus, einer der ältesten Theorien der internationalen Beziehungen. Hans Morgenthau beschrieb in „Politics Among Nations“ (1948, deutsch „Macht und Frieden“) die internationale Politik als Kampf um Macht, in dem der Ausgleich der Kräfte ein Grundmuster ist.

Kenneth Waltz ging in „Theory of International Politics“ (1979) weiter und begründete den Neorealismus. Nach Waltz bilden sich Gleichgewichte immer wieder, ob Regierungen das wollen oder nicht, weil ein Land, das nicht ausbalanciert, seine Unabhängigkeit riskiert. Seine Theorie erklärt die Struktur des internationalen Systems, nicht jede einzelne Entscheidung.

Drei Kernaussagen lassen sich festhalten:

  1. Vor allem militärische und wirtschaftliche Macht macht ein Land zur Bedrohung für andere.
  2. Konzentrierte Macht erzeugt Widerstand, weil andere fürchten, was ein Hegemon mit ihr anfangen würde.
  3. Auf Dauer entsteht eher Gegenmacht als die dauerhafte Vorherrschaft eines einzelnen Landes.

John Mearsheimer vertritt seit „The Tragedy of Great Power Politics“ (2001) eine schärfere realistische Variante, den offensiven Realismus. Für Mearsheimer streben Großmächte nach möglichst viel Macht, weil in der internationalen Politik nur das Schutz verspricht.

Welche Strategien gibt es neben dem Balancing?

Wie reagiert eine Regierung auf eine aufsteigende Macht? Die Politikwissenschaft unterscheidet vor allem diese Optionen:

Strategie Was der Staat tut Beispiel
Inneres Balancing Stärkt eigene Armee, Industrie und Technik Flottenrüstung, höherer Verteidigungshaushalt
Äußeres Balancing Schließt oder vertieft Bündnisse Gründung der NATO 1949
Bandwagoning Schließt sich der stärkeren Seite an Kleine Länder folgen einer benachbarten Großmacht
Buck-Passing Wartet ab und überlässt anderen die Kosten Hoffen, dass ein Nachbar die Bedrohung zuerst stellt

Die Unterscheidung zwischen innerem und äußerem Balancing stammt aus Waltz’ „Theory of International Politics“. Stephen Walt zeigte in „The Origins of Alliances“ (1987), dass Regierungen weit häufiger ausbalancieren als mitlaufen. Er verfeinerte die Theorie zur Balance of Threat: Entscheidend ist die Bedrohung, und Macht ist nur eine ihrer Quellen, neben Nähe, Angriffsfähigkeit und vermuteten Absichten. Randall Schweller hielt 1994 dagegen, dass manche Länder sich einer aufsteigenden Macht anschließen, um an deren Gewinnen teilzuhaben.

Hinzu kommt die Rolle des „Balancers“: eine Großmacht, die außerhalb der Bündnisse bleibt und ihr Gewicht jeweils auf die schwächere Seite legt. Großbritannien gilt als klassisches Beispiel in der Geschichte Europas.

Infografik zu vier Reaktionen eines Staates auf eine aufsteigende Macht: inneres Balancing, äußeres Balancing, Bandwagoning und Buck-Passing
Fig. 1.2 Vier Wege, auf eine wachsende Macht zu reagieren: von der eigenen Aufrüstung bis zum Anschluss an die stärkere Seite.

Weitere Fälle von Utrecht bis zum Kalten Krieg

Wien ist der bekannteste Fall, aber nicht der einzige:

  • Frieden von Utrecht, 1713: Die Verträge zum Ende des Spanischen Erbfolgekriegs nannten eine ausgewogene Verteilung der Kräfte in Europa ausdrücklich als Ziel. David Hume behandelte die Idee 1752 in seinem Essay „Of the Balance of Power“ als Gebot politischer Klugheit.
  • Vor 1914: Dreibund (Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien) und Entente (Frankreich, Russland, Großbritannien) zeigen die Schattenseite. Europa zerfiel in zwei bewaffnete Lager, und eine regionale Krise führte in den Ersten Weltkrieg.
  • Kalter Krieg: USA und Sowjetunion hielten sich durch atomare Rüstung und Bündnisse die Waage, NATO auf der einen, Warschauer Pakt auf der anderen Seite. Der Historiker John Lewis Gaddis sprach vom „langen Frieden“.
  • Nordeuropa heute: Finnland trat 2023, Schweden 2024 der NATO bei. Realisten lesen das als äußeres Balancing gegenüber Russland nach dem Angriff auf die Ukraine.

Was spricht gegen die Gleichgewichtspolitik?

Der Realismus hatte das Feld nie für sich allein, wie der Überblick über die Denkschulen der Außenpolitik zeigt. Die wichtigsten Einwände:

  • Liberaler Internationalismus: Woodrow Wilson machte das alte europäische System für den Ersten Weltkrieg mitverantwortlich. 1917 forderte er „nicht ein Gleichgewicht der Macht, sondern eine Gemeinschaft der Macht“, daraus wurde der Völkerbund. Liberale setzen bis heute auf Handel, Demokratie und Institutionen wie die Europäische Union.
  • Hegemonie und Machtübergang: A. F. K. Organski argumentierte 1958, dass Krieg am wahrscheinlichsten ist, wenn ein Herausforderer zur führenden Macht aufschließt. Stabilität entstehe durch klare Überlegenheit, nicht durch Gleichstand.
  • Diplomatiegeschichte: Paul Schroeder hielt Waltz entgegen, dass die Staaten Europas oft nicht ausbalancierten, sondern sich versteckten, mitliefen oder gemeinsame Regeln suchten. Der Frieden nach 1815 ruhte für ihn auf geteilten Normen.
  • Konstruktivismus: Für Alexander Wendt ist Anarchie das, „was Staaten daraus machen“. Ob Macht bedrohlich wirkt, hängt von Identität und Geschichte ab. Frankreich und Deutschland rüsten heute nicht gegeneinander auf, obwohl beide große Militärmächte sind.

Was lehrt der Fall Wien heute?

Wer heute in Deutschland über Chinas Aufstieg, die Rolle der NATO oder die Sicherheit Europas streitet, verwendet die Begriffe der Gleichgewichtspolitik, oft ohne es zu merken. Ein Naturgesetz ist dieses Prinzip nach Ansicht seiner Kritiker allerdings nicht.

Viele Historiker lesen den Fall Wien zweifach. Ein Ausgleich der Kräfte kann aus ihrer Sicht Frieden über Jahrzehnte sichern, wenn die führenden Staaten ihn mit Selbstbeschränkung und gemeinsamen Regeln verbinden. Ohne diese Regeln wird er, wie in den Jahren vor 1914, zum Wettrüsten zweier Lager. Ob Länder eher ausbalancieren, mitlaufen oder kooperieren, bleibt eine offene Frage. Einen deutschsprachigen Überblick über die Theorieschulen, vom Realismus bis zum Konstruktivismus, gibt der Band „Theorien der Internationalen Beziehungen“, hrsg. von Siegfried Schieder und Manuela Spindler (Verlag Barbara Budrich, Opladen).

Quellen

  1. Bundeszentrale für politische Bildung: Internationale Mächteordnung vom Wiener Kongress bis zum Ersten Weltkrieg
  2. Hans J. Morgenthau: Politics Among Nations (1948), deutsch: Macht und Frieden
  3. Kenneth N. Waltz: Theory of International Politics (1979)
  4. Stephen M. Walt: The Origins of Alliances (1987)
  5. Randall L. Schweller: Bandwagoning for Profit, International Security 19:1 (1994)
  6. John J. Mearsheimer: The Tragedy of Great Power Politics (2001)
  7. Paul W. Schroeder: Historical Reality vs. Neo-realist Theory, International Security 19:1 (1994)
  8. Alexander Wendt: Anarchy is What States Make of It, International Organization 46:2 (1992)
  9. A. F. K. Organski: World Politics (1958)
  10. Siegfried Schieder, Manuela Spindler (Hrsg.): Theorien der Internationalen Beziehungen (Verlag Barbara Budrich)